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Interview: Ann-Christin Bert

Interview: Ann-Christin Bert

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In den Freimind Interviews kommen Selbständige zu Wort, um über ihr altes Leben, den Wechsel in die Selbständigkeit und die Herausforderungen zu sprechen, die damit einhergehen.

Den Anfang macht Ann-Christin-Bert, als Fotografin aus Visbek. Sie fotografiert Hochzeiten und Portraits und hat ihre Vergangenheit in einem völlig anderen Beruf gearbeitet. Aber lest selbst.


1. Was hast du in deinem alten Leben beruflich gemacht?

Ich habe damals in einer kleinen Anwaltskanzlei eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten gemacht. Danach war ich für ein Jahr als Au Pair in New York und bin dann bei einer internationalen Wirtschaftskanzlei in Frankfurt am Main gelandet. Nach vier Jahren bin ich nach Hamburg gezogen und habe da noch weitere vier Jahre in zwei – ebenfalls internationalen -Wirtschaftskanzleien gearbeitet. Zuletzt war ich Global Managing Partner Assistant und musste die vielen Reisen und Termine meines Chefs organisieren, Verträge schreiben, mich um die Partner Reviews kümmern und durfte hier und da auch in unser Hauptbüro nach London. 

 

2. Wie bist du damals zu diesem Beruf gekommen?

Ursprünglich war mein Kindheitstraum Polizistin zu werden, jedoch wurde ich da deutschlandweit aufgrund meines Heuschnupfens abgelehnt (rückblickend war das aber wohl auch gut so). Nach der neunten Klasse hatte ich vom Gymnasium auf die Realschule gewechselt. Da meine neuen Klassenkameraden bereits ein Praktikum hinter sich hatten, habe ich in den Herbstferien ein freiwilliges Praktikum bei unserer örtlichen Anwaltskanzlei gemacht und die haben mir dann einen Ausbildungsvertrag angeboten, den ich direkt angenommen habe.

 

3. Wann hast du für dich beschlossen, dass es nicht der richtige Weg ist?

Eigentlich war mir schon während der Ausbildung klar, dass das nicht der richtige Job für mich war. Aber wie das halt so ist: „Kind, du musst erst eine Ausbildung machen!“ Da ich nach der Ausbildung nicht wusste, was ich alternativ machen sollte, habe ich das Auslandsjahr gemacht. Allerdings wusste ich auch danach nicht, was ich machen sollte und bin über die Googlesuche „Internationale Anwaltskanzleien in Deutschland“ in Frankfurt gelandet, da ich zumindest weiterhin Englisch sprechen wollte. Anfangs war das sehr spannend und hatte nichts mehr mit dem zu tun, was ich in der kleinen Dorfkanzlei gemacht hatte. Aber auch hier habe ich schnell gemerkt, dass diese stupide Arbeit einfach nicht zu mir passt. 

 

4. Wie war die Übergangszeit für dich?

Vor ein paar Jahren habe ich es noch bereut, dass ich so viele Jahre in einem Beruf verschwendet habe, der nicht zu mir passt. Es war keine schöne Zeit. Ich war super unglücklich und bin täglich mit Bauchschmerzen zur Arbeit gegangen. Abends war ich von der Langeweile und fehlenden Herausforderung trotzdem erschöpft. Aber heute, 4,5 Jahre nachdem ich meinen Job gekündigt habe, sehe ich die positiven Seiten. Auch mein alter Beruf hatte seine Vorteile und hat mich sehr geprägt. Ich bin eher eine sehr ordentliche Kreative und kenne mich in bestimmten Rechtsbereichen aus. Ich habe keine Probleme mit Buchhaltung und schreibe meine Verträge selbst.

 

5. Wie viel Respekt / Angst hattest du vor dem eigentlichen Schritt in die Selbständigkeit?

Da ich mehr oder weniger in die Selbstständigkeit reingerutscht bin, hatte ich vorher gar keine Angst. Nachdem ich mich endlich getraut hatte, meinen alten Beruf zu kündigen, hatte ich zuerst gar keinen Plan, was ich machen sollte, und auch nicht das Ziel Selbstständigkeit. Zuerst war ich ein paar Monate auf Reisen und habe dadurch mein Hobby – die Fotografie – wieder so richtig gelebt. Danach habe ich mein Abitur nachgeholt und währenddessen wurde mir das erste Mal Geld für meine Fotos angeboten. Also habe ich ein Gewerbe angemeldet und ein paar Euro zum BAföG dazuverdient. Da das dann immer mehr wurde, stand ich am Ende des Schuljahres vor der Entscheidung: 100% Selbstständigkeit aufbauen oder studieren? Ich entschied mich für die Selbstständigkeit, da ich ja bereits direkt vor mir hatte, was ich jahrelang gesucht habe: Einen Beruf, der mir sehr viel Spaß und Freude bereitet und mich erfüllt.

 

6. Wenn du damals keine Angst hattest, gibt es heute noch Situationen, die dich manchmal beunruhigen?

Natürlich kam die Angst später mal bzw. auch heute habe ich hier und da noch Tage, wo ich mal Angst vor der Zukunft habe. Aber ich empfinde Angst als etwas Gutes. Es macht uns menschlich und treibt uns an. Ich akzeptiere die Zweifel und nutze sie dann als Motivation.

 

7. Wie hast du dich über die Selbständigkeit informiert? Welche Quellen hast du genutzt?

Alle Informationen zu beschaffen, habe ich als sehr kompliziert empfunden, da man sich alles Wichtige aus vielen unterschiedlichen Quellen selbst zusammensuchen musste. Ich habe im Netz gesucht, beim Finanzamt nachgefragt, mit meinem Steuerberater gesprochen und andere Selbstständige gefragt. 

 

8. Ist deine Selbständigkeit heute so, wie du es dir damals gewünscht / vorgestellt hast?

Da ich damals nicht so genau wusste, wo die Reise hingehen sollte, hatte ich auch keine genauen Vorstellungen. Aber heute kann ich sagen, dass die Kündigung – auch ohne Plan, was danach geschieht – genau der richtige Schritt war. Alles, was in den letzten Jahren passiert ist, sollte so sein und hat mich zu meinem absoluten Traumjob gebracht. Von daher kann ich jedem nur raten, sich zu trauen und lieber einen steinigeren Weg in Betracht zu ziehen als immer nur den einfachen zu gehen.

 

9. Was hat dir auf deinem Weg in die Selbständigkeit bisher am besten geholfen? (Ein spezieller Tipp? Ein Kurs? Ein Mensch aus deinem Umfeld?

In den letzten Jahren habe ich mich sehr viel mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt. Ich denke, dass jedes Berufsleben auch da anfangen sollte, da ein starkes und klares Mindset die wichtigste Grundlage ist. Außerdem hat mir das richtige Umfeld sehr geholfen. Ich habe mich überwiegend von negativ eingestellten Menschen getrennt und achte heute sehr darauf, dass ich positive Menschen um mich herum habe.

 

10. Was empfindest du als das Beste und das Schlechteste an der Selbständigkeit?

Das Beste ist wohl, dass ich alles für mich und meine Zukunft tue. Außerdem empfinde ich es als Luxus, dass ich meine Zeit selbst einteilen kann. Als richtig schlecht empfinde ich an der Selbstständigkeit eigentlich nichts. Die Tage, an denen mal die Angst hochkommt und man sich fragt, was alles passieren könnte, wenn man länger krank wird oder falls die Aufträge mal ausbleiben etc., sind nicht so schön. Aber wie gesagt, daraus schöpfe ich dann auch wieder neue Motivation.

Liebe Ann-Christin, danke dass du dir die Zeit genommen hast auf diese Fragen zu antworten.

Weitere Infos zu Ann-Christin findet ihr auf annchristinbert.de. Besucht sie auch gern auf Instagram.  

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